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Datum 11. März 2010
Verfasser Dr. Eva-Maria Stange

Personalschlüssel in den Kitas, Horten und Krippen verbessern

Dr. Eva-Maria Stange zum Antrag der Grünen "Für eine bessere Personalausstattung und Fachberatung für Kindertagesstätten und -pflege - gemeinsame Strategie von Freistaat, Kommunen und freien Trägern auf den Weg bringen" (Drs 5/1519) vom 11. März 2010 (Quelle: Plenarprotokoll 5/10, S.778f.):
Es gilt das gesprochene Wort! Sehr geehrter Herr Präsident! Meine sehr geehrten Damen und Herren! [...] Ich habe vorhin sehr aufmerksam Frau Giegengack zugehört, dass wir kein Erkenntnisproblem, sondern ein Umsetzungsproblem haben. Ich glaube, wir haben doch immer noch ein Erkenntnisproblem. Ich will vielleicht noch auf zwei Fakten hinweisen, die bis jetzt nicht genannt worden sind: Die wichtigsten Jahre im Leben eines Menschen sind die ersten 12 Jahre; denn dort entwickeln sich im Prinzip die emotionalen, die kognitiven Fähigkeiten, die Sprachfähigkeiten. Das, was danach passiert, ist schon mehr Reparatur als Lernen. Das heißt, in diesen Jahren müssen die Familie und die Gesellschaft besonders darauf Acht geben, wie und in welcher Umgebung Kinder groß werden. Deswegen gibt es seit einigen Jahren Gott sei Dank Bildungspläne - auch in Sachsen -, die genau diese Entwicklungsperiode als Ganzes in den Blick nehmen. Ich will es etwas zuspitzen: Es ist wichtiger, in die ersten zwölf Jahre zu investieren als in die nächsten zwölf Jahre. In Deutschland, auch in Sachsen, steht aber die Finanzierungspyramide im Bildungswesen auf dem Kopf. Das meiste Geld fließt in die Sekundarstufe II, nicht nur an den Gymnasien, sondern auch in der beruflichen Bildung; insbesondere, wenn ich an die zahlreichen Maßnahmen der Berufsvorbereitung oder der Vorbereitung auf eine berufliche Ausbildung denke, die enorme Kosten verursachen. Dort hinein fließt deutlich mehr Geld als in die ersten zwölf Jahre, insbesondere in dem Bereich der Kindertagesstätten. Auch im internationalen Vergleich, das haben OECD-Studien immer wieder nachgewiesen. Ein zweiter Punkt, den ich erwähnen möchte: Im Schulgesetz ist irgendwann einmal festgelegt worden, dass nicht nur der Schulbesuch kostenlos sein soll, sondern dass es auch eine Obergrenze für die Klassenstärke gibt. Im Kindertagesstättengesetz steht aber: "In der Regel" soll es einen bestimmten Schlüssel geben. "In der Regel" heißt, dass es Abweichungen von der Regel gibt. Auch darauf hat Frau Giegengack vorhin zu Recht hingewiesen. Ich nenne gern noch einmal mein Beispiel, das ich, wie ich glaube, in der letzten Landtagsdebatte schon erwähnt habe: Es ist ein riesengroßer Unterschied, ob Sie sechs Kinder im Alter von drei Jahren zum Kindergeburtstag einladen oder ob es zwölf Kinder sind, wie wir es teilweise heute in den Krippen erleben. - So viel vielleicht zu den ergänzenden Fakten. Deswegen denke ich, dass wir immer noch ein Erkenntnisproblem haben. Ich will auch auf eine Studie hinweisen. Die UNICEF gibt regelmäßig einen Bericht zur Lage der Kinder in Deutschland heraus. Dieser liegt auch für 2010 vor. In dieser UNICEF-Studie, in der Deutschland wieder einmal mittelmäßig abgeschnitten hat - Sachsen wahrscheinlich in diesem Mittelmaß weiter oben - wird erneut der Vorwurf gemacht oder, freundlich ausgedrückt, der Hinweis gegeben: Deutschland muss kindergerechter werden. Es geht eben nicht darum, Kinder zu kleinen Leistungseliten erziehen - Sie erinnern sich an unsere Diskussion über mathematisch-naturwissenschaftliche Fähigkeiten im Kindergartenbereich -, sondern es geht darum, in dieser Zeit die Rechte von Kindern tatsächlich umzusetzen, und das ist mehr, als mathematisch-naturwissenschaftliche Fähigkeiten umzusetzen. Dazu gehören sprachliche Fähigkeiten, emotionale und auch kognitive Fähigkeiten. Meine sehr geehrten Damen und Herren! Über den Betreuungsschlüssel ist viel gesprochen worden, das muss ich nicht wiederholen. Die SPD wird in den nächsten Wochen einen Gesetzentwurf einbringen, der sich gegenwärtig in der Diskussion mit Familienverbänden, mit Kommunen und den Trägern befindet und der sich genau auf den Ansatz bezieht, den der Antrag der GRÜNEN verfolgt: nämlich eine schrittweise Senkung des Betreuungsschlüssels in den nächsten Jahren umzusetzen. Das ist längst überfällig. Wir werden in unserem Gesetzentwurf auch darauf achten - das ist vorhin zu Recht angesprochen worden -, dass die Kommunen in der derzeitigen Situation und auch künftig die Kindertagesstätten nicht entsprechend ihrer Finanzlage ausstatten können. So muss man das sagen. Frau Nicolaus, es ist schön, wenn es bei Ihnen anders ist. Aber es gibt Kommunen, die sich das nicht mehr leisten können, selbst wenn sie es wollten. Kinder können sich leider die Kommune nicht auswählen - das ist kein freier Markt -, sondern sie müssen in den Kindergarten gehen, der von ihren Eltern ausgewählt wurde. Deswegen werden wir das Land auch stärker in die Pflicht nehmen. Wir wollen auch nicht, dass die Eltern über Gebühr strapaziert werden. Ich habe es vorhin erwähnt. Wir haben nicht ohne Grund in der letzten Legislaturperiode das kostenfreie Vorschuljahr eingeführt. Wir müssen Schritt für Schritt dazu kommen, dass es im Bildungssystem selbstverständlich ist, dass die ersten Jahre - genau wie die Schulbildung - für die Eltern kostenfrei sind. Das werden wir uns nicht in einem Schritt leisten können, aber wir werden es - wie andere Länder in Deutschland auch - Schritt für Schritt umsetzen müssen, wenn wir unseren Kindern tatsächlich eine Perspektive geben wollen. Lassen Sie mich abschließend noch ein Wort zur Qualifikation der Fachkräfte sagen. Es reicht nicht aus, den Schlüssel zu senken, ohne die Fachkräfte in der Ausbildung und in der Fortbildung entsprechend zu qualifizieren. Es ist vollkommen unzureichend - das hat die Anfrage der GRÜNEN gezeigt -, dass wir heute in einigen Kommunen bzw. bei einigen Trägern überhaupt keine Fachberater mehr haben. Zum Beispiel hat der Eigenbetrieb in Dresden, ein großer Träger von Kindertagesstätten, keinen eigenen Fachberater, keine eigene Fachberaterin. Das ist eine Situation, die man im Schulbereich nie zulassen würde. Im Kita-Bereich tut man es. Wir brauchen also dringend besser qualifizierte Fachkräfte in den Kindertagesstätten. Die heutigen leisten eine sehr gute Arbeit, aber wir fordern von ihnen aufgrund der Bildungspläne und der veränderten gesellschaftlichen Situation mehr. Wir brauchen vor allen Dingen Zeit für diese Fachkräfte. Jedem Lehrer sagt man: 27/28 Stunden Unterrichtszeit. Bei den Kindertagesstätten heißt das "Arbeit am Kind" - ein "wunderbarer" Begriff. Es bleibt aber keinerlei Verfügungszeit mehr für die Fachkräfte, um sich auf die "Arbeit am Kind" vorzubereiten, und schon gar nicht auf die Nachbereitung. Genau das muss dringend in den gesetzlichen Regelungen verankert werden und es wird seit vielen Jahren von den entsprechenden Fachkräften gefordert. Meine sehr geehrten Damen und Herren! Ich freue mich auf die weitere Diskussion, und ich freue mich auch darauf, wie sich das Parlament und die Landesregierung, wenn wir den Gesetzentwurf einbringen, damit auseinandersetzen werden. [...] Denn es geht schließlich um die Zukunft unseres Landes, und das sind die Kinder im Alter von einem bis sechs Jahren. Danke.

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