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Datum 10. Dezember 2009
Verfasser Dr. Eva-Maria Stange

Forscherdrang in sächsischen Kitas stärken

Dr. Eva-Maria Stange zum Antrag der CDU/FDP-Mehrheit "Forscherdrang in sächsischen Kindertageseinrichtungen stärken - Vermittlung von naturwissenschaftlichem und mathematischem Wissen fördern" (Drs 5/596) vom 10. Dezember 2009 (Quelle: Plenarprotokoll 5/6, S.372f.):
Es gilt das gesprochene Wort! Sehr geehrte Frau Präsidentin! Meine sehr geehrten Damen und Herren! Frau Firmenich, auch ich habe mich gefreut, dass dieser Antrag auf der Tagesordnung steht. Ich hätte mir nur ein wenig mehr Mut dabei gewünscht. "Strahlende Intelligenz", sagt Sigmund Freud, sei charakteristisch für Kinder vor der Schule. Wir haben schon aus einigen Beispielen gehört, nie sind die Neugier, die Lust am Forschen und die Offenheit für das von Donata Elschenbroich so schön bezeichnete "Weltwissen" so groß wie gerade in diesem Alter. Allerdings fragt man sich schon, wenn man einmal in die Experimentierkarten des "Hauses der kleinen Forscher" schaut, wie ein Kind darauf kommen sollte, dass ausgerechnet Wunderkerzen unter Wasser lustige Funken sprühen – oder nicht. Ich habe mir diese Frage, gelinde gesagt, noch nie gestellt. Auch wie man einem Kind im Alter zwischen drei und sechs Jahren – ich gehe nicht darunter, sondern nur zwischen drei und sechs Jahren – beibringt, dass dieses Experiment die Besonderheiten von Wasser und die Energie zeigt, die benötigt wird, um Wasser zu zerlegen, erschließt sich mir selbst als Physiklehrerin schwer. Meine Damen und Herren! Ich komme darauf zurück: Donata Elschenbroich sagt so schön – insofern lohnt sich jede Mühe, sich mit diesem Thema zu befassen –: "Die Zukunft liegt im Kindergarten." Dennoch wurde erst 1996 der Rechtsanspruch auf einen Kindergartenplatz für die Drei- bis Sechsjährigen umgesetzt, und erst 2013 – also noch ein Stück hin – für die unter Dreijährigen. Wohlgemerkt: Rechtsanspruch heißt in Deutschland: vier Stunden im Kindergarten. Erst seit wenigen Jahren werden überhaupt Erzieherinnen an Hochschulen ausgebildet – ein Anachronismus, dem man in Europa nur mit Kopfschütteln begegnet. Weit entfernt sind wir auch noch von den englischen Early Excellent Centers, die nichts mit exzellent im deutschen Sinne zu tun haben, sondern Kinder-Eltern-Zentren darstellen und gerade in soziale Brennpunkte integriert werden, oder gar von einer Forschung zur Wirksamkeit von Bildungsplänen in Deutschland, die es ja auch erst seit einigen Jahren gibt. Ich erinnere mich noch sehr gut an die aufgeregte Diskussion – ich glaube, es war vor zwei Jahren –, als Herr Flath gerade um diese Zeit in einem Weihnachtsinterview vor der Erziehung der Kinder, die an den Staat abgeschoben wird, gewarnt hat und einem DDR-Betreuungssystem, das – wohlgemerkt: zu diesem Zeitpunkt – von Frau von der Leyen auf den Weg gebracht worden ist. Ich erinnere mich auch gut an die Diskussion, die vom Ifo-Institut – der Name Sinn ist hier sicher bekannt – und von Prof. Lenzen im Auftrag der Initiative "Neue soziale Marktwirtschaft" unmittelbar nach PISA losgetreten worden ist, als das Ifo-Institut den Vorschlag machte, allen Ernstes die Schule auf das vierte Lebensjahr vorzu-verlegen. Die Gefahr der Verschulung und "Verkopfung", die kindliche Freude zerstört und statt Selbstbildern Fremdbilder erzeugt, ist damit nicht weit weg. Meine sehr geehrten Damen und Herren! Es gibt noch eine andere Gefahr, die ich auch teilweise in diesem Antrag sehe: die Angst der Eltern, ihre eigene Verunsicherung, der Druck der Arbeitswelt, der an die Kinder weitergegeben wird. Ich erinnere an Frühkurse in Englisch oder in Chinesisch – das ist noch das Harmloseste. Doch kein Kind wird vom Füttern größer, sondern ein Kind wird vom Füttern und Überfüttern höchstens dick; oder, um ein anderes Bild, das vielleicht besser in das naturwissenschaftliche Phänomen passt, zu bedienen: Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht. Also: Mehr Demut und Respekt vor unseren Kindern, Wertschätzung gegenüber ihrem Aufwachsen – und nicht nur gegenüber deren erbrachter oder nicht erbrachter Leistung! Emotionale und leistungsmäßige Überforderung zerstören die Lernmotivation schon sehr früh, und vor allem – das ist das Schlimmste – wird das Selbstwertge-fühl der Kinder durch die nicht erfüllte Erwartung der Eltern untergraben. Bildung ist – das brauche ich nicht zu wiederholen, Frau Klepsch hat es gerade sehr schön dargestellt – zuallererst – übrigens nicht nur in der frühkindlichen Bildung – ganzheitliche Selbstbildung, und der Sächsische Bildungsplan, der aus meiner Sicht ein sehr guter Bildungsplan ist, hat bewusst eine Grundlage in einer ganzen Breite zur ganzheitlichen Bildung – und nicht in der Verkürzung von Naturwissenschaft und Mathematik – geschaffen. Kindertagesstätten sind eben keine Fitnessstudios für die Wirtschaft. Kindertagesstätten sind Selbstbildungseinrichtungen mit gut ausgebildeten Erzieherinnen und Erziehern. Frau Firmenich, vielleicht haben Sie auch schon einmal auf die Internetseite der Stiftung "Haus der kleinen Forscher" geschaut und sich die Initiatoren ein wenig genauer angesehen. Die Initiatoren sind die Siemensstiftung, McKinsey und SAP; die Partner sind Volkswagen, IHK und ein großer Hersteller von – unter anderem – Teleskopen. Ein Schelm, der Böses dabei denkt! Die Initiatorin der PISA-Tests ist übrigens die UNESCO, eine weltweite Organisation, die sich vor allem um das Wirtschaftswachstum in der Welt bemüht. Lesen, Rechnen und Naturwissenschaften werden bei PISA getestet. Der Bogen zur frühkindlichen Bildung ist an dieser Stelle relativ kurz. Nichts gegen Naturwissenschaft und Mathematik, schon gar nicht von einer Physik- und Mathematiklehrerin, doch bitte schön zur rechten Zeit und in der richtigen Dosis – und dann nur als Baustein und nicht von der Wirtschaft getrieben, sondern gemessen an dem Recht des Kindes auf Bildung und nicht dem Recht der Wirtschaft auf einen Facharbeiter. Was ist notwendig? Ich will es kurz machen, weil einiges bereits angesprochen wurde. Wir brauchen veränderte Rahmenbedingungen, denn der Bildungsplan ist gut. Ich sage es noch einmal: Wir brauchen keinen neuen Bil-dungsplan; aber bitte keine Verkürzung. Wir brauchen Aus- und Fortbildung der Erzieher(innen) und der Tages-mütter und -väter, auch an Hochschulen. Wir brauchen eine entsprechende Anerkennung durch Bezahlung; ich habe es hier in diesem Raum schon einmal gesagt. Erzieherinnen können mehr bei der Erziehung eines Kindes "versauen" als Gymnasiallehrer, um es einmal so drastisch auszudrücken. Insofern ist nicht zu verstehen, warum Erzieherinnen schlechter bezahlt werden als Gymnasiallehrer. Vielleicht würde das auch dazu beitragen, dass wir endlich mehr männliche Fachkräfte in den Kindertagesstätten hätten. Das würde übrigens in ganz natürlicher Art und Weise das Interesse an Naturwissenschaft, Mathematik und Technik befördern. Ein zweiter Punkt: Wir müssen dringend den Betreuungsschlüssel senken. Auch dieses Beispiel bringe ich gern noch einmal. Haben Sie schon einmal einen Kindergeburtstag mit Sechsjährigen – ich spreche nicht von Zwei- oder Dreijährigen, sondern von Sechsjährigen – mit "nur" 13 Kindern durchgeführt? Jeder, der das schon einmal gemacht hat, wird sicher ein Gefühl dafür haben, wie eine Erzieherin, die tagtäglich eine Gruppe mit mehr als 13 Kindern führt, den Bildungsplan – nicht nur im Bereich Naturwissenschaften und Mathematik – umsetzt. Vielleicht erwerben Sie, Herr Clemen, den goldenen Schlüssel einer der Kinderta-gesstätten in Ihrer Nähe, um sich ein Bild davon zu machen. Kinder brauchen Zeit, aber auch Erzieherinnen und Erzieher brauchen Zeit: Vor- und Nachbereitungszeit, mindestens fünf Stunden pro Woche; denn auch hier gilt: Was für Lehrer(innen) recht und billig ist, sollte auch für Erzieherinnen gelten, die in noch viel stärkerem Maße den Kontakt zu den Eltern halten müssen, da diese Gespräche mit den Eltern für die Erziehung der Kinder wichtig sind. Ein letzter Punkt, der angesprochen werden soll: Wir brauchen endlich eine verbindliche Fachberatung, die nicht von den finanziellen Möglichkeiten der Träger allein abhängig ist. Der große Eigenbetrieb hier in Dresden zum Beispiel hat keine Fachberatung mehr, weil er sie sich nicht mehr leisten kann. Meine sehr geehrten Damen und Herren! Wir werden leider den Antrag der Großen Koalition ablehnen müssen, da er zu kurz springt. Er springt zu kurz und geht am eigentlichen Problem, den Rahmenbedingungen für die Umsetzung des Bildungsplanes, vorbei. Diese sollten stärker in den Fokus genommen werden. Vielen Dank.

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