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Datum 22. April 2013
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Bleibende Problemfelder der inneren Einheit und der Integration

Vortrag vom19.04.2013 im Rahmen des FES-Dialogs mit einer Regierungsdelegation des Ministeriums für Wiedervereinigung der Republik Korea auf Gut Gödelitz
Sehr geehrte Damen und Herren, Ich möchte mit einem persönlichen Zugang zum Thema beginnen: Ich bin 1957 in Mainz geboren. Meine Eltern waren zwei Jahre im „Goldenen Westen“ und kamen bereits 1958 mit mir wieder in den Osten, wo meine Großeltern lebten. Meine Eltern hatten das erhoffte „Gold“ – eine gut bezahlte Arbeit - in Mainz nicht gefunden. Ich habe bis zur Wende mehr als 30 Jahre im Osten, in der DDR gelebt. Doch dieser Geburtsort hat mir zu allen Zeiten – in der DDR und auch später – unangenehme Fragen eingebracht. In der DDR wurde ich 1985, als ich promoviert habe, gefragt, wie ich denn in die DDR gekommen wäre. Meine damalige Antwort lautete - zugegeben etwas scherzhaft: „Vermutlich im Kinderwagen.“ Bei Einsicht in meine Personalakten, die den entsprechenden Institutionen mit Sicherheit vorlagen, hätte man das leicht herausfinden können. Zum Glück hatte ich als Kind aus einer Arbeiterfamilie keine beruflichen Nachteile aus dieser kurzen Episode im Westen Deutschlands. Viele Jahre später - 2001 – im bereits geeinten Deutschland – kandidierte ich nach 1997 zum zweiten Mal als Bundesvorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft. Ein Mitglied aus dem Osten der Republik beschwerte sich darüber – es hatte erfahren, dass ich in Mainz geboren war -, dass es doch mehr als 10 Jahre nach der Wende an der Zeit wäre, dass endlich eine Ostdeutsche an der Spitze einer Bundesgewerkschaft stehen sollte. Diese empfundene Ungerechtigkeit würde heute noch viel deutlicher ausgesprochen werden und ist ein Ausdruck der Empfindsamkeit im Osten, des Gefühls, nicht wirklich ernst genommen zu werden, gar Verlierer zu sein. Es ist aber auch ein Problem, wenn wir uns große bundesweite Organisationen heute 23 Jahre nach der Vereinigung ansehen: An der Spitze, in den Vorständen haben es die Ostdeutschen nach wie vor schwer durchzudringen. In den altrepublikanischen über Jahrzehnte gewachsenen politischen Netzwerken sind die Ostdeutschen zunächst Eindringlinge. Man hat es schwer dazuzugehören, integriert zu werden, die gleiche (politische) Sprache zu sprechen und damit auch Gehör mit den eigenen Anliegen zu finden. Seitdem ich 2005 aus meinem Amt als GEW-Vorsitzende ausgeschieden bin, sind alle 8 Einzelgewerkschaften und der DGB-Vorstand wieder ausschließlich mit Westdeutschen besetzt. Hier ist uns die Einheit noch nicht ausreichend gelungen. Dagegen spricht auch nicht, dass die Bundeskanzlerin aus Ostdeutschland kommt. Eine Ursache dafür ist sicher auch, dass sich in Ostdeutschland sehr viele Menschen zwar in Bürgerinitiativen organisieren, um unmittelbar in ihrem Umfeld etwas zu verändern und zu gestalten, aber viel weniger in Parteien, Gewerkschaften oder Kirchen – also großen Organisationen. Sicher wirken hier die negativen Erfahrungen aus der DDR bei vielen nach – vielleicht ist es aber auch eines Demokratieverständnisses, dass man eben nicht an die Parteiendemokratie oder die Kraft der Gewerkschaften glaubt. Die geringe Wahlbeteiligung ist auch ein Ausdruck der Skepsis vieler Menschen gegenüber der herrschenden Parteiendemokratie. Sie ist aber auch eine Gefahr für unsere Demokratie und eines der m.E. größten ungelösten Probleme. Die wirklichen Feinde der Demokratie – die Neonazis – haben damit leider ein offenes Tor gefunden. 1989 ist Vieles vollkommen Unbekanntes auf uns Ostdeutsche eingestürmt. Damit war aber auch verbunden, dass die ehemaligen DDR Bürger in das demokratische System der seit 40 Jahren existierenden Bundesrepublik einerseits und die soziale Marktwirtschaft anderseits wie in kaltes Wasser fielen. Nichts war durch eigene Erfahrung geprägt. Nicht einmal die Verfassung, die Nationalhymne war Gegenstand der Diskussion. Sie waren einfach da! Demokratie kam über Nacht und deren Wirkungsmechanismen waren weitgehend unbekannt. Was Schüler heute in der Schule lernen wie z.B. den Staatsaufbau, die Rolle der Parlamente, die Bedeutung von Gewerkschaften etc. musste im Alltagsleben erfahren und sofort gelebt werden. Es wurde von den Menschen erwartet, dass sie sich dem System anpassen — eben funktionieren. Wer das nicht konnte oder wollte, blieb leicht auf der Strecke – mit erheblichen Folgen für die Akzeptanz des neuen Systems. Vieles wurde als fremd, anders und manchmal sogar bedrohlich erlebt. Menschen aus dem Westen kamen und waren Helfer beim Aufbau des neuen Staatssystems. Sie kamen aber auch als Vernichter von Arbeitsplätzen, als die, die es besser wussten und die ostdeutsche Erfahrung bei Seite schoben. Noch heute wird in den überregionalen Medien der Osten meist nur im negativen Kontext – wenn überhaupt - erwähnt. Ich habe mir einmal die Mühe gemacht, mit westdeutschen Journalisten eine Busreise durch Ostdeutschland zu organisieren, um ihnen zu verdeutlichen, was es bedeutet, wenn 50% einer Generation nicht mehr geboren werden und damit Kindertagesstätten und Schulen schließen, Schulwege unendlich weit werden und Erzieherinnen und Lehrer nur noch Teilzeit arbeiten und damit auch wenig Geld bekommen. Dieser dramatische Geburteneinbruch seit 1990 mit all seinen Folgen wurde in den westdeutschen Medien und damit auch bei vielen Menschen gar nicht wahrgenommen. Ebenso wenig wie der Verlust von tausenden von Arbeitsplätzen. Eine Wochenzeitung hat dann nach der Reise darüber berichtet. Andere teilten uns zwar mit, dass die Reise ihnen wichtige Einblicke gegeben hat, aber das Thema die Leser nicht wirklich interessieren würde. Es wäre zu weit weg. Der Osten ist ebenso wie der Westen immer noch für zu viele Menschen „hinter der Mauer“ – unbekannt. Wir wissen immer noch viel zu wenig voneinander, von unserer Vergangenheit, von unseren Sorgen im Alltag. Die Neugier aufeinander aus der Zeit nach der Öffnung der Mauer ist leider zu schnell versiegt. Schulbesuche wie sie Anfang der 90er Jahre überall gegenseitig organisiert wurden, sind fast vollständig erlahmt. Leider wurden Vorurteile teilweise sogar verstärkt, die heute nachwirken: Meine Schüler einer 9. Klasse waren 1992 schockiert darüber, dass jedes Kind der Gastfamilie in Bergisch-Gladbach ein eigenes Kinderzimmer hatte und mehrere Autos vor der Tür standen. Sie sahen die sozialen Probleme und die Armut in der Hauptschule, die wir besuchten, nicht. Andererseits waren die Jugendlichen aus dem Westen beim Gegenbesuch im folgenden Jahr enttäuscht, weil man am Abend nicht wirklich etwas erleben konnte, in die Disko gehen z.B., obwohl man in einer Großstadt war. Sicher, heute würde das ganz anders ausgehen, aber die Bilder wirkten leider nach. So hat mein Ministerium bei einer Umfrage unter westdeutschen Abiturienten im Jahr 2008 erschreckende Vorurteile gegen den Osten wahrgenommen: graue Fassaden, keine gute Infrastruktur, kein Telefon, schlechte Ausstattung der Schulen und Unis ect. Nur die wenigstens Abiturienten waren selbst schon einmal in einer ostdeutschen Stadt gewesen. Bilder, die sie aus Erzählungen oder den Medien kannten, haben ihr eigenes Bild verzerrt. Andererseits herrscht in den Köpfen vieler Ostdeutscher nach wie vor das Bild eines reichen, abgehobenen, kalten Westens. Ich hatte durch meine Tätigkeit als Gewerkschaftsvorsitzende die einmalige Chance, den Westen und viele Menschen dort näher kennenzulernen, aber auch eine demokratische Organisation mitgestalten zu können. Ich habe viel lernen dürfen, was anderen Ostdeutschen leider nicht möglich war. Vorurteile lassen sich nur durch eigenes Erleben korrigieren, doch dazu bedarf es der Begegnung, des Gesprächs. Wer heute schon seit vielen Jahren im jeweils anderen Teil Deutschlands lebt und arbeitet, schärft den Blick für den anderen und seine Probleme, aber auch die gewachsenen Unterschiede. In meiner Familie gibt es heute eine vielfältige Mischung von Ost und West und mein Enkel, der jetzt in Frankfurt am Main schon den größten Teil seines Lebens verbracht hat, wird ohne die Last der Vorurteile und Jahrzehnte alter Sozialisation in einem anderen Gesellschafts- und Staatssystem aufwachsen. Für ihn gibt es Sachsen und Hessen, nicht aber Ost- und Westdeutschland. Erst diese Generation wird tatsächlich von einer Einheit Deutschlands sprechen können und sie wird gemeinsame Erfahrungen zwischen Rhein und Oder austauschen können.

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